Mehr als Sterbebegleitung
Was Palliative Care wirklich bedeutet
Palliative Care wird oft mit Sterbebegleitung gleichgesetzt – das greift jedoch zu kurz. Im Kern geht es um etwas anderes: um die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit einer schweren, fortschreitenden Erkrankung, und zwar so lange wie möglich. Man könnte Palliative Care daher treffender als Hilfe zum Leben bei schwerer Krankheit umschreiben. Sie setzt oft schon früh ein, häufig parallel zu einer laufenden medizinischen Behandlung. Erst in einer späteren Phase kann Palliative Care auch die Begleitung in der letzten Lebensphase, die Sterbebegleitung, mit einschliessen. Sie ist also weit mehr als Sterbebegleitung: Sie ist Hilfe zum Leben, solange Leben möglich ist.
Den ganzen Menschen im Blick
Diese Hilfe ist bewusst umfassend gedacht. Schwere Krankheit verursacht nicht nur körperliches Leiden, sondern betrifft den ganzen Menschen. Die Palliativmedizinerin Cicely Saunders prägte dafür schon in den 1960er-Jahren den Begriff des «Total Pain» – des umfassenden Schmerzes. Dieses Konzept unterscheidet vier Dimensionen, die eng miteinander verknüpft sind: die körperliche Dimension, etwa Schmerzen oder andere belastende Symptome, die psychische Dimension, also Ängste, Trauer oder Verzweiflung, die soziale Dimension, zum Beispiel Sorgen um die Familie, Isolation oder finanzielle Fragen, sowie die spirituelle Dimension, also Fragen nach Sinn, Halt und dem, was im Leben trägt. Palliative Care nimmt alle vier Dimensionen ernst, statt sich nur auf die körperlichen Beschwerden zu konzentrieren.
Selbstbestimmung, Würde und Angehörige
Ein zentrales Prinzip dabei ist die Selbstbestimmung. Menschen mit einer schweren Erkrankung sollen so weit wie möglich selbst entscheiden können, wo und wie sie behandelt, gepflegt und begleitet werden. Diese Haltung sichert ihre Würde, gerade in einer Lebensphase, in der Betroffene sich oft ausgeliefert oder fremdbestimmt fühlen. Palliative Care begleitet zudem nicht nur die erkrankte Person selbst, sondern auch ihre Angehörigen, die durch die Krankheit ebenfalls stark belastet werden und häufig einen wichtigen Teil der Betreuung mittragen.
Gemeinsam getragen
Möglich wird diese umfassende Begleitung nur im Zusammenspiel verschiedener Fachpersonen. Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen, Seelsorge, Sozialarbeit und weitere Fachbereiche arbeiten interprofessionell zusammen, um der Vielschichtigkeit des Leidens gerecht zu werden. Eine ebenso wichtige Rolle spielen dabei Freiwillige: Sie schenken den Betroffenen und ihren Angehörigen Zeit, Zuwendung und Präsenz und leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Palliative Care.
Der richtige Zeitpunkt
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der in der Fachwelt zunehmend betont wird, ist der richtige Zeitpunkt: Palliative Care soll nicht erst dann beginnen, wenn keine Behandlung mehr möglich ist, sondern möglichst frühzeitig und bedarfsorientiert – oft schon parallel zu einer laufenden kurativen Therapie, etwa bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Fachgesellschaften wie ASCO und ESMO empfehlen diese frühzeitige Einbindung ausdrücklich, weil sie nachweislich die Lebensqualität verbessert und die Symptomlast senkt. Man spricht hier von einer zeitgerechten statt starr terminierten Integration, die sich am individuellen Bedarf orientiert statt an einem festen Krankheitsstadium.
Was Palliative Care nicht ist
Wichtig ist zudem eine sorgfältige Abgrenzung zu zwei Begriffen, die in der öffentlichen Diskussion manchmal mit Palliative Care vermischt werden. Zum einen ist Palliative Care nicht mit aktiver Sterbehilfe gleichzusetzen: Während aktive Sterbehilfe das gezielte Herbeiführen des Todes meint, verfolgt Palliative Care die entgegengesetzte Haltung – sie lindert Leiden, ohne den natürlichen Sterbeprozess künstlich zu verkürzen oder zu verlängern. In der Schweiz ist die aktive Sterbehilfe rechtlich nicht zulässig; nur in wenigen europäischen Ländern, etwa den Niederlanden und Belgien, ist sie unter eng gefassten ärztlichen Voraussetzungen möglich.
Zum anderen unterscheidet sich Palliative Care auch vom assistierten Suizid, bei dem eine urteilsfähige Person mit Unterstützung selbst die letzte, todbringende Handlung vornimmt. Palliative Care wählt bewusst einen anderen Weg: Sie begegnet dem Leiden nicht durch die Beendigung des Lebens, sondern durch Linderung, Begleitung und die bestmögliche Gestaltung der verbleibenden Zeit. Beide Wege stehen für unterschiedliche Grundhaltungen gegenüber dem Lebensende, und Palliative Care versteht sich ausdrücklich als Alternative, die das Leben bis zuletzt lebenswert gestalten will.
Kartenset «RUND UM Palliative Care»
Wer sich vertieft und leicht verständlich mit den vielen Facetten von Palliative Care auseinandersetzen möchte, dem sei das Kartenset «RUND UM Palliative Care» empfohlen. Es ist am 1. September 2026 erschienen und wurde von der Fachexpertin Sabine Millius (Institut Neumünster) gemeinsam mit Grafikerin Selina Fässler sowie der interprofessionellen Fachgruppe Palliative Care der Gesundheitswelt Zollikerberg entwickelt, mit Unterstützung von palliative zh+sh. Das Kartenset macht Palliative Care einer breiten Bevölkerung zugänglich und ist zum Preis von CHF 36.– online erhältlich.
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